Portraits
23. Juli 2016

YT-Industries: Vom Hobby zur Geschäftsidee

Haben Sie sie auch schon einmal bewundert, im Fernsehen oder live – diese tollkühnen Jungs und Mädels, die sich auf martialisch anmutenden Fahrrädern die Berge hinunterstürzen, über himmelwärts ansteigende Rampen rasen um sich dann in der Luft zu überschlagen, bevor sie wieder sicher auf zwei Rädern landen? Gut möglich, dass dieses „Fahrrad“ von YT Industries aus Forchheim stammt.

Das 2008 von Markus Flossmann und Stefan Willared gegründete Unternehmen hat sich in kürzester Zeit einen Namen unter den Gravity-Fans gemacht. Unter „Gravity“ werden Downhill, Freeride, Dirt-Jump und Enduro zusammengefasst. Auch Szenegrößen wie Andreu Lacondeguy, Cam Zink und Aaron Gwin setzen auf die eigenentwickelten Carbon- und Aluminiumrahmen aus der fränkischen Provinz und fahren für YT Industries. Die Mountainbikes von YT haben nicht nur Designpreise gewonnen und wurden Testsieger in Fachmagazinen: Laut einer Leserumfrage des weltweit zweitgrößten Online-Mountainbike-Magazins „vital-mtb“ gehört YT zu den Top 3 MTB- Gravity-Marken weltweit und ist Top 1 in Europa. 2016 ist das Unternehmen in die All-Mountain-Szene eingestiegen und spricht damit eine etwas ältere Zielgruppe an. Schließlich macht der Gravity-Markt nur neun Prozent des gesamten Mountainbike-Markts aus.

High-End für junge Talente

Flossmann, selbst leidenschaftlicher Mountainbiker, hatte 2007 eine gute Stelle im Marketing einer großen Fitnesskette und keinen Grund, das Wagnis Unternehmertum einzugehen. Ein Tag im Frühjahr 2007 sollte das ändern. „Ich kam an einem Dirt-Jump-Platz bei Forchheim vorbei. Dort waren zwei Jungs auf billigen Bikes aus dem Baumarkt unterwegs“, erzählt Flossmann. „Sie waren wirklich begabt – junge Talente. Als ich sie fragte, weshalb sie sich kein richtiges Bike kauften, antworteten sie, das sei viel zu teuer.“ Flossmann recherchierte und tatsächlich: Unter 1.000 Euro war kein vernünftiges Bike für diesen Sport zu bekommen. „Ich fragte mich, weshalb die Bikes so teuer sein mussten“, sagt Flossmann. Er setzte seinen Ehrgeiz darein, ein bezahlbares Mountainbike für den Nachwuchs zu entwickeln. Der Name YT – Young Talents – spiegelt diesen ursprünglichen Gedanken wider.

Flossmann nahm Kontakt zu Rahmenherstellern in Taiwan und zu Zulieferern auf. 2008 wurde das Unternehmen aus der Taufe gehoben. Das erste Bike aus Forchheim ging für einen Vergleichstest an das Magazin „Freeride“. „Wir hatten nichts zu verlieren“, sagt der 40-Jährige. „Zu unserer großen Überraschung und Freude wurden wir mit unserem 499-Euro-Bike Testsieger. Binnen zehn Tagen waren alle Bikes verkauft.“ Verkauft wurde und wird ausschließlich im Online-Direktvertrieb. Dadurch spart sich das Unternehmen den Handel. Die Kunden profitieren davon.

Mit Leidenschaft und Ausdauer

„Unser Erfolg kam schnell“, sagt Flossmann heute. „Doch das brachte auch Probleme mit sich. Wir hatten zu wenig Eigenkapital und keine Sicherheiten, übersahen die Folgen von Wechselkursschwankungen, wurden von Konkurrenten und Zulieferern blockiert und wuchsen zu schnell bei fehlenden Strukturen. 2012 hatten wir gerade einmal acht Mitarbeiter. Jeder war Mädchen für alles. Der Lieferverzug eines taiwanesischen Lieferanten brachte uns an den Rand der Insolvenz.“ 2013 widmete sich YT deshalb der Konsolidierung.

Heute hat das Unternehmen 70 Mitarbeiter am Standort Forchheim, die in Entwicklung, Marketing, Kundenservice, Einkauf, Logistik und Fakturierung arbeiten. Seit 2015 gibt es einen Vertrieb außerhalb der EU über Partner in USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Südamerika, Asien und Südafrika. Die Rahmenproduktion findet nach wie vor in Taiwan statt. Dort kümmern sich weitere sechs Mitarbeiter um Produktionssicherung und Qualitätskontrolle. Montiert wird in Forchheim, von dort aus erfolgt auch der Versand innerhalb der EU. In alle anderen Länder wird von Taiwan aus geliefert. Die eigene Begeisterung sei für den Unternehmenserfolg in jedem Fall wichtig, sagt der Mountainbiker: „Man braucht ein Konzept, das Hand und Fuß hat, Leidenschaft für das, was man tut, Ausdauer, die einen wieder aufstehen lässt, wenn etwas schief geht, und eine Mannschaft, die mit durchs Feuer geht, die Leidenschaft teilt und kämpft.“

Eine gute Zeit haben

Entscheidenden Anteil am Erfolg des Unternehmens hat laut Flossmann das Marketing: „Wir wollten uns vom Wettbewerb abheben, der in erster Linie mit Leistung und Wettkampf wirbt. Auf den Fotos und in den Videos sieht man verzerrte Gesichter, die Biker quälen sich das letzte Quäntchen Leistung ab. Ich habe mir überlegt, weshalb ich ursprünglich mit Mountainbiken angefangen habe. Die Antwort war einfach: Ich wollte eine gute Zeit haben. Und genau das wollen wir unseren Kunden bieten – ein Lebensgefühl, good times.“ Bei der Auswahl der Sportler, die für YT fahren und werben, werde sehr genau darauf geachtet, dass sie dieses Lebensgefühl tatsächlich vermittelten. „Sie sind die Helden, die für die jungen Biker Vorbild sind, ihnen ‚good times‘ versprechen und sie zu Fans machen“, so Flossmann weiter. „Damit wir das erreichen, müssen wir echt sein und dürfen uns nicht hinter einer Marketing-Maske verstecken.“ (-ap)