Portraits
10. November 2016

Die größte Ausstellung der Welt

Das Start-up Immersight mit Sitz in Ulm hat sich ganz dem Thema „Virtuelle Showrooms“ verschrieben. Was mit der Erfindung einer Raumbrille anfing, hat sich inzwischen zu einer Gesamtlösung für das Erstellen virtueller Ausstellungen entwickelt.

Wir schreiben das Jahr 2012. Zwei junge Studenten der Elektrotechnik an der Universität Ulm haben gerade eine eigene VR-Raumbrille erfunden, mit der Nutzer in virtuelle Szenarien eintauchen können. Das Besondere: Sie arbeitet ausschließlich mit einer, statt wie sonst üblich mit mehreren Kameras. „Die Brille sieht zwar sehr klobig und schwer aus, wiegt aber nur wenige hundert Gramm, da hauptsächlich Carbon verwendet wurde. Zudem berührt sie den Kopf nur mit zwei kleinen Bügeln“, sagt Gründer Fabian Weiss, der zusammen mit Simon Singler das Unternehmen führt.

Messeauftritt brachte den Durchbruch

Als sie diese Erfindung gemacht hatten, wussten beide nach eigenem Bekunden noch nicht, wo die Brille zum Einsatz kommen könnte beziehungsweise ob es für ein solches Produkt überhaupt einen Markt geben würde. „Uns hat damals vor allem die technische Herausforderung gereizt, eine Brille zu entwerfen, mit der man sich in einem Raum bewegen kann. Das entsprang eher aus einem Spieltrieb heraus. Über eine praxistaugliche Verwendung hatten wir uns wenig Gedanken gemacht. Die Sinnfrage stellte sich erst danach“, erzählt der Unternehmer Weiss. Der Tipp eines Professors an der Uni sollte dann alles ins Rollen bringen: Er schlug den beiden Tüftlern vor, ihre Raumbrille auf der Cebit in Hannover zu präsentieren. Am Stand der Universität Ulm stellten die jungen Erfinder ihr Produkt vor – und das mit durchschlagendem Erfolg. „Die Leute haben uns die Bude eingerannt, kamen mit zig Ideen auf uns zu, in welchen Bereichen sich unsere Brille einsetzen ließe“, so Weiss. „Relativ schnell kristallisierte sich dann heraus, dass die virtuelle Raumpräsentation für Handwerksbetriebe genau unser Ding ist.“

Handwerk als ideale Zielgruppe

In der Folgezeit entwickelten die beiden Unternehmer mit ihrem Team eine abgestimmte VR-Gesamtlösung für Handwerker, bestehend aus Hardware, Software und Service. Der Clou: Mit der Raumbrille können Planungen aus CAD nahezu real erlebbar gemacht werden. „Durch zwei kleine Bildschirme in der Brille wirft der Benutzer einen Blick zum Beispiel in sein zukünftiges Bad oder seine Küche. Der Verkäufer sowie weitere Gäste betrachten das Geschehen über einen externen Bildschirm und sehen damit durch die Augen des Benutzers“, erklärt Weiss. Im Handwerk sieht der Unternehmer aus zwei Gründen eine ideale Zielgruppe: „Erstens ist bei Handwerksbetrieben der Individualisierungsgrad besonders hoch. Bei der Einrichtung eines kompletten Bads etwa ist ein Maßanzug erforderlich, vor allem wenn es um ein Thema wie Barrierefreiheit geht. Die Räume können mit der VR-Lösung vorab virtuell erlebbar gemacht werden und der Kunde somit realitätsnah prüfen, ob alles seinen Wünschen und Anforderungen entspricht. Zweitens sind viele Handwerksbetriebe in Bezug auf CAD und 3D hoch technologisiert, was einen Einstieg in Virtual Reality sehr erleichtert.“

Software immer wichtiger

Mit der Zeit verschob sich der Fokus von Immersight weg von der Hardware- hin zur Softwareentwicklung. „Die Entwicklung von VR-Hardware haben wir nicht weiterverfolgt, da dies vor allem von den US-Amerikanern und den Chinesen vorangetrieben wird. Riesiges Potenzial sehen wir hingegen im Bereich VR-Software und -Lösungen“, unterstreicht Weiss. So ist unsere 3D-Showroom-Software inzwischen mit allen auf dem Markt verfügbaren VR-Brillen kompatibel.

3D-Showrooms für Jedermann

Mit ihrer Softwarelösung beschreiten die Ulmer ein bisher kaum besetztes Terrain: die Erstellung virtueller Ausstellungen. „Bevor ein potenzieller Kunde überhaupt eine Kaufentscheidung fällt, möchte er sich doch inspirieren lassen. Bisher haben diese Funktion reale Ausstellungen übernommen. An diesem Punkt setzen wir an. Nehmen wir zum Beispiel das Thema Bad. Dank unserer Lösung lassen sich grenzenlos viele Einrichtungsvarianten von Bädern präsentieren. Und zwar so wie es in der Realität aus Kosten- und Platzgründen nie möglich wäre. Wir von Immersight können also die größte Ausstellung der Welt bauen“, schmunzelt der Jungunternehmer. Die einzelnen Bäder entstehen entweder am Rechner oder können per 360-Grad-Kamera eingespeist werden. Der Handwerker hat so die Möglichkeit, von seinen eigenen Projekten Vorher-Nachher-Referenz-Ansichten zu erstellen, die sich anschließend in der Ausstellung von anderen Kunden virtuell begehen lassen. Die neueste Lösung aus dem Hause Immersight ist die Panoramabrille, die über ähnliche Eigenschaften verfügt wie die Raumbrille, aber auch mobil eingesetzt werden kann. Wer möchte, kann den 3D-Showroom aber auch nur mit einem Controller steuern und die virtuellen Räume ohne Verzerrungen am Bildschirm betrachten. Und mit welchen Kosten muss ein Unternehmen rechnen, das die Technik für Beratung und Verkauf einsetzen möchte? Laut Weiss bewegen sich die Investitionen je nach Aufwand und Technik zwischen 5.000 und 20.000 Euro. „Klingt vielleicht für einen Mittelständler erst einmal nach viel Geld. Aber wenn man bedenkt, dass ein einziger Quadratmeter einer realen Ausstellung zwischen 800 und 1.200 Euro verschlingt und man weit weniger flexibel ist als mit einem 3D-Showroom, relativiert sich das Ganze doch recht schnell.“ (-hf)

www.immersight.de

Tipp: Hier geht es zum Film mit der Panorama-Brille von Immersight. Mehr zum Thema Virtual und Augmented Reality gibt es in der November-Ausgabe 2016 von DIE NEWS.