Rezensionen
27. Oktober 2015

Das anständige Unternehmen

So lautet der Titel des neuesten Buches von Reinhard K. Sprenger, einer der profiliertesten Managementberater und Vordenker der Wirtschaft. Der Titel macht ebenso neugierig wie der Klappentext. „In den Unternehmen herrscht eine tyrannische Zudringlichkeit: Feedbacks, Befragungen, Rankings, Frauenförderung, das Einklagen von Authentizität, Transparenz und Identifikation – die Reihe lässt sich fortsetzen“, schreibt Sprenger. „Ich habe dieses Buch geschrieben, um einen neuen Anstand am Arbeitsplatz einzufordern: den Anstand durch Abstand.“ Er leitet fünf Prinzipien für die Führung ab:

  • Betrachte Mitarbeiter nicht als bloße Mittel.
  • Behandle Mitarbeiter nicht wie Kinder.
  • Versuche nicht, Menschen zu verbessern.
  • Verletze nicht die Autonomie der Mitarbeiter.
  • Bezeichne nichts als alternativlos.

Mit Anstand teilt Sprenger aus. Er schont weder Führungskräfte noch Mitarbeiter noch die Gesellschaft im Allgemeinen. Am besten haben mir seine Ausführungen zu den Themen Identifikation, Weiblichwerden und Mitarbeiterbindung gefallen – auf den Punkt und trotz allem Ernst sehr amüsant. Er spricht aus, was viele denken und macht deutlich, dass ein Großteil der aktuellen Management-Hypes meistens das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt ist. So führen uns laut Sprenger zum Beispiel die verschiedenen Anstrengungen zur Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen eher zurück in vormoderne Verhältnisse: „Im Adel, im Klerus, in Sekten oder in der Armee wurde zwischen Arbeit und Freizeit nicht getrennt.“ Und weiter: „Ein lebendiges System, das keine Ausnahme mehr zulässt, ist eigentlich schon gestorben. Weil es sich nicht mehr an veränderte Rahmenbedingungen anpassen kann. Und die Forderung nach Identifikation mit dem Unternehmen zielt darauf ab, Abweichung und Ausnahmen auszuschließen.“

Letztlich plädiert der Autor für weniger statt mehr in Management und Führung, für Nichttun und vor allem für mehr Distanz, also mehr Freiheit für den Einzelnen, weniger Vereinnahmung durch das Unternehmen. Sprenger schlägt nichts weniger vor als eine Unternehmensführung, „die sich zurückhält“. Das schließt ein, dass wir Mitarbeitern erlauben, Nein zu sagen, sich zu entziehen und eigene Entscheidungen zu treffen. Der Autor mahnt eine unabhängige Haltung der Führungskräfte an: „Es gibt Führungskräfte, die sind raumfüllend, und andere, die sind raumöffnend. Gerade die letzteren brauchen wir. Sie werden alles in ihrer Macht Stehende unterlassen.“ (-ap)

Das anständige Unternehmen, DVA, ISBN 978-3-421-04706-9, € 26,99