Rezensionen
4. Dezember 2015

Die Lüge der digitalen Bildung

Wirtschaft und Politik werden angesichts des digitalen Wandels nicht müde zu beschwören, wie wichtig es sei, junge Menschen möglichst früh an digitale Medien heranzuführen. Das Buch von Gerald Lembke und Ingo Leipner macht aber auf sehr anschauliche Weise deutlich, dass beim Aufbau digitaler Medienkompetenz gerade bei sehr jungen Menschen vieles schief läuft. Das fängt bei zu ehrgeizigen und zusehends verunsicherten Eltern an, die Angst davor haben, dass ihre Jüngsten im globalen Wettbewerb untergehen, und nimmt laut der Autoren unter anderem auch in der Schule verheerende Ausmaße an. Deutlich wird vor allem eins: Kinder unter zwölf Jahren, die der digitalen Welt ungebremst ausgesetzt werden, sind komplett überfordert und nicht in der Lage, eine digitale Medienkompetenz aufzubauen. Über eine Wisch- und Mauskompetenz kommen sie nicht hinaus. Warum das so ist, belegen Lembke und Leipner anhand von Ergebnissen aus der Entwicklungsbiologie und -psychologie. So bleibt etwa abstraktes Denken auf der Strecke, da Erlebnisse in einer realen Welt zur Ausnahme werden. Das aktive Anfassen wird zunehmend vom passiven Anschauen verdrängt. Die Sinneswahrnehmungen in einer realen Welt seien aber bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten entscheidend. Kinder unter zwölf Jahren seien zudem aus entwicklungspsychologischer Sicht nicht dazu fähig, Inhalte kritisch zu hinterfragen, was eine vernünftige Mediennutzung nicht möglich mache. Daher sehen Lembke und Leipner ihre anfängliche These „Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter“ bestätigt. Die Autoren beleuchten darüber hinaus Themen wie Lernsoftware für die Kleinsten, Cyber-Klassen und E-Learning-Angebote für Schüler. Sie kommen zu dem Schluss, dass digitale Bildung vor allem ein riesiger Markt ist, in dem sich viel Geld verdienen lässt.

Die Redaktion meint: Angesicht der regen Diskussion um Digital Natives und digitale Medienkompetenz in der Wirtschaft ist das Werk auch Unternehmern wärmstens ans Herz zu legen. Das Buch ist dank seines logischen Aufbaus, vieler Beispiele und eines Stils fernab einer wissenschaftlichen Abhandlung auch für die kommenden besinnlichen Tage als Lektüre bestens geeignet.

Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, von Gerald Lembke und Ingo Leipner, Redline Verlag, ISBN: 978-3868815689, EUR 19,99