Rezensionen
19. Februar 2016

The Innovator’s Dilemma

Das Buch von Clayton M. Christensen, Professor für Business Administration an der Harvard Business School, feiert 2017 seinen 20. Geburtstag und ist doch aktueller als je zuvor. Schließlich haben etablierte Unternehmen gerade im Zeitalter der Digitalisierung mehr denn je mit neuen Wettbewerbern und disruptiven Innovationen zu kämpfen. Christensen untersucht in seinem Buch, weshalb großen und etablierten Unternehmen disruptive Innovationen so schwer fallen.

Seine Erkenntnis ist verblüffend einfach: Sie sind zu groß, zu festgefahren in ihren Prozessen und Werten. Und sie vertrauen zu sehr auf ihre Kunden und deren Wünsche. Dafür werden den Professor im Zeitalter der Kundenfokussierung einige Berater und Strategen steinigen wollen. Doch sie sollten damit warten, bis sie das Buch gelesen haben. Denn so wie Christensen es anhand von Beispielen wie Diskettenlaufwerken, der japanischen Motorradindustrie und einigen anderen erklärt, ist seine Aussage richtig. Etablierte Unternehmen, so seine Erkenntnis, orientieren sich an arrivierten Märkten im oberen Preissegment. Ihre Kunden setzen in der Regel auf evolutionäre Innovationen. Die Märkte für disruptive Innovationen sind meistens klein und ihr Anspruch nicht so hoch, das bedeutet geringere Gewinnmargen, die für die Etablierten nicht interessant sind.

Kleine Einheiten für kleine Märkte

Letztlich empfiehlt Christensen den Unternehmen für disruptive Innovationen kleine, unabhängige Einheiten zu bilden, für deren Ambitionen ein (zunächst) kleiner Markt ausreichend ist. Sie sollten unabhängig vom Mutterunternehmen mit seinen festgeschriebenen Prozessen und Werten arbeiten. Denn: Je besser die Führungskräfte eines Unternehmens sind, desto höher die Chance, dass sie das Unternehmen im Fall von disruptiven Innovationen in den Abgrund führen – auch dafür hat Christensen zahlreiche Beispiele. Führungskräfte müssen nach Meinung des Professors erkennen, dass bewährte Fähigkeiten, Kulturen und Managementpraktiken nur unter bestimmten Bedingungen zum Erfolg führen. Neue, noch nicht existierende Märkte kann man nicht wie gewohnt analysieren, auch die Kunden entziehen sich dem analytischen Zugriff. Es sind keine wirklich zuverlässigen Prognosen möglich. Das alles führt laut Christensen dazu, dass sich die gewohnten Entscheidungswege als Sackgasse erweisen.

Das Buch ist eine nützliche Lektüre für alle, die wissen wollen, wie sich der Umgang mit bahnbrechenden oder disruptiven Innovationen gestalten lässt. Der Leser erfährt, wann es sinnvoll ist, sich nicht nach den Kundenwünschen zu richten, in weniger leistungsfähige Produkte mit geringeren Margen zu investieren oder in kleine, aber wachstumsstarke Marktsegmente. Hinzu kommen wertvolle Tipps im Hinblick auf Organisation und Wertestruktur.

Die Redaktion meint: Ein spannendes Thema, gut dargestellt, schlüssig argumentiert. Manchmal ist es etwas schwierig, sich durch die seitenlange Geschichte der Computerlaufwerke zu kämpfen, die dem Autor als Beweis für seine Erkenntnisse dient, aber es ist auch nicht schlimm, wenn man ein paar Seiten überblättert und sich kurzweiligeren Geschichten zuwendet. Seine Punkte macht Christensen dort genauso. Übersetzt und überarbeitet wurde die Fassung von 2013 übrigens von Professor Kurt Matzler und Stephan Friedrich von den Eichen, beide renommierte Experten für Innovation, Strategie- und Geschäftsmodellentwicklung. (-ap)

The Innovator’s Dilemma, Verlag Vahlen, ISBN 978-3-8006-3791-1, € 29,80