Rezensionen
9. Juni 2016

Humble Inquiry – einfühlsam fragen

Im neuen Buch des Organisationspsychologen Edgar Schein geht es um die Kommunikation in Unternehmen von unten nach oben, von Mitarbeitern zu Führungskräften. Schein schreibt: „Das Hauptproblem im Management ist die Kommunikation von unten nach oben. Den wichtigsten Beitrag, um Manager effektiv zu machen, können die Mitarbeiter mit Informationen von unten liefern.“

Mitarbeiter wissen oft mehr über bestimmte Vorgänge oder Dinge im Unternehmen als die Führungskräfte. Aber häufig geben sie ihr Wissen nicht nach oben weiter, weil sie zum Beispiel als Überbringer schlechter Nachrichten negative Folgen für sich befürchten. Außerdem meinen viele Führungskräfte, dass sie allwissend sein müssen und können mit Kritik nur schlecht umgehen. Nach Scheins Ansicht ist das Gespräch mit den Mitarbeitern nicht nur eine Form der Wertschätzung, sondern auch notwendig, um Prozesse zu verbessern, Abläufe zu beschleunigen und vor allem, um Fehler zu vermeiden. Immerhin könnte sogar zahlreiche Unfälle vermieden werden, wenn nur Informationen rechtzeitig weitergegeben würden.

Selbstreflexion wichtig

Schein geht in seinem Buch der Frage nach, wie Kommunikation mit den Mitarbeitern aussehen muss, damit sie Informationen ohne Angst und gerne weitergeben. Seine Lösung ist „Humble Inquiry“, also bescheidenes oder besser einfühlsames Fragen. Sein Ansatz soll Barrieren überwinden. Das verlangt von Führungskräften Selbstreflexion und Verhaltensänderungen. Humble Inquiry ist viel mehr als eine Fragetechnik, es ist auch ein Instrument, das Führungskräfte zur Selbstreflexion und zum Überdenken ihres Führungsstils zwingt. Humble Inquiry funktioniert nur mit einer gewissen Demut, denn der Frager muss sich zurücknehmen und darauf hören, was sein Gegenüber sagt und meint. Nach Scheins Meinung ist Humble Inquiry eine Methode, um mit wachsender Komplexität zurecht zu kommen. Das Wissen einiger weniger reicht heute nicht mehr aus.

Die richtigen Fragen stellen

Im Mittelpunkt von Humble Inquiry steht die Aufgabe, sich für den anderen und seine Belange ehrlich zu interessieren und die zwischenmenschliche Beziehung zu verbessern. Fragen zu stellen, ist das beste Mittel, um etwas über andere zu erfahren. Die Fragen dürfen neugierig sein, aber nicht dazu dienen, herauszufinden, ob jemand derselben Meinung ist oder nicht. Vorgesetzte sollten Fragen stellen, auf die sie selbst keine Antwort haben und die sie wirklich interessieren. Die Fragen sollten ins Detail gehen und auf Beispiele ausgelegt sein. Zwischendurch kann man den Gesprächspartner ermutigen: „Nur weiter … Was geschah dann …?“ Auf diese Weise erhält die Führungskraft Informationen, die Hintergründe erhellen und ihr ein besseres Verständnis der Situation ermöglichen.

  • Was genau ist das Problem bei …?
  • Können Sie mir ein Beispiel dafür geben?
  • Erzählen Sie mir mehr darüber …
  • Können Sie mir Einzelheiten schildern?
  • Fällt Ihnen noch etwas dazu ein?
  • Was wissen Sie noch darüber?

Ebenso wichtig sind Fragen nach dem Prozess, um dem Mitarbeiter zu signalisieren, dass sich eine Beziehung entwickelt, an der dem Vorgesetzten gelegen ist:

  • Wie sind Sie mit dem Gespräch bisher zufrieden?
  • Haben Sie das Gefühl, dass wir das Thema ausreichend diskutiert haben?
  • Helfen Ihnen meine Fragen?
  • Kommen wir weiter

Die Redaktion meint: Ein empfehlenswertes Buch für alle Führungskräfte, die die Beziehung zu den Mitarbeitern verbessern und Wissen zugänglich machen möchten. (-ap)

Die richtigen Fragen stellen, Edition Humanistische Psychologie EHP, ISBN 978-3897970861, € 34