Rezensionen
4. Oktober 2016

Silicon Germany?

Der Journalist Christoph Keese hat auf sein Buch „Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt“ ein zweites Buch folgen lassen: „Silicon Germany. Wie wir die digitale Transformation schaffen“. Er geht der Frage nach, wie weit die digitale Transformation in Deutschland ist. Dafür hat er sich in verschiedenen deutschen Firmen umgeschaut, um zu ergründen, wie weit die deutsche Wirtschaft ist und wo es hakt.

Das Ergebnis seiner Recherchen ist nichts wirklich Neues. In deutschen Firmen gibt es keine positive Fehlerkultur, der Organisationsaufbau ist zu hierarchisch, Silodenken vorherrschend und die Spezialisierung zu stark. In deutschen Unternehmen tut man sich schwer mit interdisziplinärem Denken, ist fixiert auf Noten, Abschlüsse und Erfahrung und in den meisten Unternehmen ist es mit dem „digital workplace“ nicht weit her, Kontrolle scheint bei deutschen Führungskräften allemal noch beliebter zu sein als Freiheit für die Mitarbeiter.

Horizontal statt vertikal

Am Bemerkenswertesten finde ich die Erkenntnis, dass wir in Deutschland mit vertikaler Vernetzung arbeiten und nicht mit horizontaler Vernetzung. Keese schreibt: „Vertikale Netze erkennt man daran, dass man alle Teilnehmer morgen zu einer großen Firma verschmelzen könnte. Kulturell gäbe es nur geringe Schwierigkeiten, organisatorisch verläuft die Zusammenarbeit sowieso bereits eng. Horizontale Netze hingegen lassen sich nicht so leicht verschmelzen. Sie basieren auf Vielfalt, Unverbindlichkeit und Unabhängigkeit. Versucht man dennoch eine Fusion, gehen diese Eigenschaften verloren.“ Man könnte es auch kürzer formulieren: In Deutschland sagt der Größte beziehungsweise Stärkste, was zu tun ist, siehe die Automobilindustrie und ihre Zulieferer, im Silicon Valley ist auch der Große nur Teil des Netzwerks. Und darum geht es letztlich in der digitalen Welt: um Vernetzung und Netzwerke, um digitale Ökosysteme. Genau da tun sich deutsche Unternehmen schwer.

Der Autor beklagt jedoch nicht nur die Zustände, sondern bietet auch Lösungen an, Maßnahmen, mit denen die digitale Transformation beschleunigt werden kann: Unternehmen sollen in Start-ups investieren, sich in kleinere, schlagkräftige Einheiten aufspalten. Unternehmensgründungen sollen einfacher und ein Digitalministerium aufgebaut werden. Den Datenschutz sollte man pragmatisch angehen. Außerdem empfiehlt er Reisen für Führungskräfte und Mitarbeiter ins Silicon Valley. Auch das sind keine wirklich neuen Empfehlungen.

Trotzdem ist es ein lesenswertes Buch. Zum einen arbeitet Keese die Defizite systematisch auf, zum anderen erhält der Leser eine ziemlich konkrete Idee davon, was tatsächlich mit der Digitalisierung auf die Unternehmen und auch auf die Gesellschaft zukommt. Die Gespräche mit Unternehmern und Führungskräften holen das Ganze aus der Theorie in die Praxis. Auch wenn nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, sollten Unternehmen die Bedrohung ernst nehmen, die vor allem aus den USA, Asien und Israel kommt. Kunden erwarten heute schon mehr als das nächste noch etwas perfektere Produkt. (-ap)

Silicon Germany, Albrecht Knaus Verlag, ISBN 978-3813507348, € 22,99